Dante Gabriel Rossetti (1828-1882)


Proserpina, 1877

Rossetti malte insgesamt acht Versionen des Proserpina-Themas. Sein Modell war Jane Morris, der sich Rossetti in fast obsessiver Liebe verbunden fühlte. Als verheiratete Frau war sie indes - gleich Proserpina - unerreichbar und schicksalhaft gefangen. In einem Brief an W.A. Turner, dem Erstbesitzer der hier gezeigten Fassung, beschreibt Rossetti den mythologischen Bildgehalt wir folgt: "Proserpina wird in einem der düsteren Korridore ihres Palastes gezeigt, mit der unheilvollen Frucht in ihrer Hand. Hinter ihr, die tief in Gedanken versunken ist, streift ein heller Schimmer die Wand, der von einer plötzlich geöffneten Luke herrührt und eine Augenblick lang Licht aus der Oberwelt hereinläßt; verstohlen blickt sie zu ihm hin. In einer Schale neben ihr brennt Weihrauch, als Zeichen ihrer Gottheit. Die Efeuranke im Hintergrund (als Dekor der Schrifttafel mit dem Sonett beigefügt) kann als Symbol für die sie bedrängenden Erinnerungen gesehen werden."

Die Übersetzung des Sonetts in der rechten oberen Bildecke lautet:

"Fern ist das Licht, das kalten Trost
Mir hinter diese Mauern bringt - für einen Augenblick und länger nicht
Eingelassen am stolzen Tor des Palastes.
Fern ist das Hennarot der Blüten dieser faden,
Kalten Frucht, die früher schmeckte und jetzt mich nur erstarren macht.
Fern sind die blauen Himmel diesem Tartarengrau,
Das mein Blut gefrieren läßt: und fern, oh wie fern
Sind die Nächte die anders waren als der Tag.

Fern in meinem inneren Selbst bin ich, so scheint es mir, und meiner Gedanken Flug
Irrt auf fremden Pfaden, und auf dies eine Zeichen horche ich:
Daß immernoch ein bangend Herz nach meiner Seele ruft,
(Denn dies sind Klänge die mein inneres Ohr nur gar zu gerne
Zu stetem Murmeln aneinanderreiht,)
'Weh mir um Dich, unglückliche Prosperina' "

(Begleitheft zur Ausstellung "Der Symbolismus in England 1860-1910")

Proserpine 24kB

Dante Gabriel Rossetti
Proserpine, 1877
Öl auf Leinwand
119,5 x 57,8 cm
Privatsammlung, London

Proserpina:

Peserphone (Persephassa, bei den Römern Proserpina), in der griech. Mythologie Tochter des Zeus und der Demeter, ward, als sie einst auf der nysischen Flur (nach späterer Sage bei Enna in Sizilien) Blumen sammelnd von ihren Gespielinnen sich entfernt hatte, von Pluton, der plötzlich aus der Erde auftauchte, geraubt und so zur Beherrscherin der Unterwelt erhoben. Demeter suchte die Tochter mit der an den Flammen des Ätna angezündeten Fackel auf der ganzen Erde, bis ihr die Nymphe Arethusa oder Helios das Schicksal derselben enthüllte. Zeus versprach ihr darauf, ihr die Tochter zurückzugeben, wenn dieselbe im Reich der Schatten noch nichts genossen hätte, und gewährte ihr, da P. mit Pluton bereits einen Granatapfel geteilt hatte, daß sie wenigstens zwei Drittel des Jahres auf der Oberwelt zubringen durfte.
Der Sinn des Mythos ist unschwer zu erraten: es ist eine allegorische Darstellung des alljährlich vor unseren Augen sich erneuernden Schauspiels der absterbenden und wieder auflebenden Pflanzenwelt.
In den Eleusinischen Mysterien wurde der Mythos als das Bild einer höheren Idee, nämlich der Unsterblichkeit der Seele aufgefasst. Hier tritt P. als Kora (Tochter) in Verbindung mit ihrer Mutter Demeter und deren Sohn Jakchos auf, heißt aber auch, gleich jener, Despoina (Herrin).
Außer in Eleusis ward P. auch in Böotien, im Peleponnes und auf Sizilien verehrt, meist gemeinschaftlich mit ihrer Mutter.
Bei den Orphikern der späteren Zeit ist P. eine allwaltende Naturgottheit und wird vielfach mit anderen mystischen Gottheiten, Hekate, Gäa, Rhea, Isis, vermengt. Der römische Name Proserpina scheint nur eine Latinisierung von P. zu sein.
Dargestellt ward P. als liebliche Tochter der Demeter oder als strenge Gemahlin des Hades, mit königlichen Insignien und der Fackel, dem Symbol der eleusischen Weihen. Einzelbilder sind schwer zu bestimmen, da ihr Ideal mit dem ihrer mehr oder weniger zusammenfließt; nur wird sie stets jugendlicher aufgefaßt sein. In einer Gruppe bildete sie Praziteles, in einem Relief (zusammen mit Pluton, Dionysos und zwei Nymphen) Kolotes. Öfters kommt sie in großen Darstellungen vor, besonders in Schilderungen der Aussendung des Triptolemos ihrer Entführung durch Hades und ihrer Rückkehr auf die Erde. Diesen Gegenstand behandeln mit Vorliebe die römischen Sarkophagreliefs, doch war der Raub der Kora auch Inhalt eines Gemäldes des Nikomachos und einer Gruppe des Paraziteles. Die Auffahrt der P. aus der Unterwelt ist sehr schön auf einem Vasenbild (Fragment des Marchese del Vasto) dargestellt. In der römischen Zeit ist ihre Vereinigung mit Dionysos (als Liber und Libera), der Brautzug beider unter Begleitung bacchantisch rasender Satyrn und Mänaden sehr häufig auf Sarkophagen behandelt.
Eine dichterische Bearbeitung der Persephonesage enthält Goethes kleines, dem "Triumph der Empfindsamkeit" eingeschaltetes Monodrama "Proserpin".

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